Hier ein Bericht von Dr. Herta Scheucher. Vielen Dank leben, dass du ihn mir geschickt hast, damit wir alle etwas davon haben.
Auswirkungen von sexuellem Kindesmissbrauch im Erwachsenenalter
Dr. Herta Scheucher
Die vielfältigen Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs möchte ich in zwei Gruppen einteilen: Einerseits die allgemeinen Folgen, die sich in einer großen Anzahl von Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln ausdrücken und die Lebensqualität massiv beeinträchtigen und andererseits die manifesten krankheitswertigen Symptome.
Massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität
Versetzen wir uns in die Lage eines Kindes, so erleben wir es als natürlich, Eltern zu brauchen, denen wir unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele anvertrauen können. Die Seele hat ein Bedürfnis nach Geborgenheit, der Geist ein Bedürfnis nach Orientierung in der Welt und in der Gesellschaft und der Körper hat ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Jedes Kind wünscht sich von den Eltern gehalten und getröstet zu werden, wenn es sich verletzt hat, oder ins Bett der Eltern schlüpfen zu können, wenn es von einem Alptraum geweckt wird.
Das vom Vater sexuell ausgebeutete Kind hat diese Bedürfnisse genauso wie jedes andere Kind, aber es weiß genau, dass sein Vater ihm niemals uneigennützige Liebe und die Mutter ihm niemals Schutz geben wird.
Meist ist die Mutter mit ihrem Leben, dem Beruf, dem Haushalt und der Kinderversorgung völlig überfordert und wünscht sich vom Kind entlastet zu werden. Der Vater fühlt sich von seiner Frau vernachlässigt. Sein narzisstisches Bedürfnis wahrgenommen und versorgt zu werden, kann die Frau nicht befriedigen, so wählt er sich eine Tochter aus, die ihm Mutter, Frau, Geliebte sein soll und noch dazu ein Zauberspiegel, in dem er sich ewig jung und begehrenswert sehen kann. Seine Persönlichkeit ist tief gestört und er nimmt die Verantwortung, die er mit der Vaterschaft eingegangen ist, nicht an.
Das Mädchen lernt bei solch einem Vater sehr früh, dass alles im Leben einen Preis hat. Der Vater liest ihr vielleicht eine Gutenachtgeschichte vor, doch der Preis ist, dass sie sich von ihm zu seiner persönlichen Befriedigung nachher streicheln und in einer nicht kindgerechten Form sexuell stimulieren lassen muss. Nähe und Geborgenheit muss sie mit ihrem Körper, mit Sexualität bezahlen
Viele Täter, insbesondere Väter, Stiefväter, Großväter und Onkel rechtfertigen ihre Tat damit, dass einmal sowieso das Erstemal sein muss und weil die anderen Männer "ihrem" Mädchen nur weh tun würden, zeigen sie ihm am besten selbst, wie das mit dem Sex ist - häufig schon im Vorschulalter. Mit Sätzen, wie "Ich tu Dir nicht weh!" oder "Du magst das doch auch!?" beruhigen sie ihr Kind und sich selbst. Sie programmieren das Kind damit, die sexuelle Ausbeutung nicht zu bemerken. Egal wie gut der Täter seinen Übergriff rechtfertigt, bleibt das Unrecht, das er dem Kind angetan hat, der Vertrauensmissbrauch, die Demütigung, die Misshandlung und Vergewaltigung, nicht ohne Wirkung.
Zu den allgemeinen Folgen des sexuellen Missbrauchs zähle ich Lebensängste, Vertrauensverlust und eine fundamentale Unsicherheit bezüglich des eigenen Selbstwerts. Viele Missbrauchsopfer quälen sich ein Leben lang mit der Frage, ob sie noch liebenswert sind, ob sie jemals noch ein Mann lieben und begehren wird können. Sie fühlen sich zutiefst beschmutzt und besudelt. Viele sind überzeugt, dass ihnen ein weithin sichtbares Brandmal aufgedrückt wurde. Wo Selbstvertrauen sein sollte, findet sich ein Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit. Sie fühlen sich vom Leben abgeschnitten.
Viele ziehen sich von der Gesellschaft und von Gleichaltrigen zurück, weil sie sich nirgends mehr zugehörig fühlen. In der Familie, wo sie das Gefühl von Vertrauen und Zugehörigkeit lernen hätten sollen, blieb dieser Lernschritt aus. Von "Seelenmord" zu sprechen, ist in diesem Zusammenhang keineswegs übertrieben, denn das Vertrauen zu den Menschen ist tief, häufig irreparabel zerstört.
Das Verhältnis zum eigenen Körper ist bei der sexuell missbrauchten Frau meist tief gestört. "Der Körper ist ihr verhasst, ein Verräter, unzuverlässig, eigenständig. Der Köper bedeutet Gefahr, Böses, Schmutziges." Sie versucht ihn meist hinter weiten formlosen Kleidern zu verbergen oder hinter einer dicken Fettschicht oder sie hungert ihn aus. Der ausgebeutete Kinderkörper wird später im Erwachsenenalter von der Frau misshandelt. Andere, die von den Müttern schon früh als Huren beschimpft wurden, finden nicht das richtige Maß zwischen sich zeigen und einem erotisch-provokanten Äußeren. "Es spielt keine Rolle, wie ich mich kleide", sagte eine Klientin, "ich fühle mich sowieso immer nackt." Langsam musste sie lernen "Schutzkleidung" zu tragen und den Unterschied zu erkennen zwischen elegantem und provokantem Outfit.
Zu den Störungen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, zähle ich auch die Störung der Sexualität bei sexuell ausgebeuteten Frauen. Vielen missbrauchten Frauen wird sexuelle Zügellosigkeit unterstellt, doch das ist einer der vielen Mythen, um die männlichen Täter zu entschuldigen. Der Mythos von der verführerischen Lolita stilisiert den Täter zum Opfer. Es stimmt zwar, dass viele Missbrauchsopfer Prostituierte werden, doch das hat einerseits damit zu tun, dass junge Mädchen häufig von zu Hause ausreißen, um dem Inzest zu entgehen, und sich nur mit Prostitution durchschlagen können. Andererseits genießen sie als Prostituierte die Macht, die sie jetzt über die Männer haben, wenn sie den Preis und die Bedingungen der Sexualität diktieren können.
Der weitaus größte Teil der Frauen hat das Problem, von der Sexualität abgestoßen und angeekelt zu sein. Die meisten sind gehemmt und blockiert und erleben im Geschlechtsakt die Missbrauchsszenen immer wieder aufs Neue. Gerüche, rasches Atmen, die Schlafzimmeratmosphäre und vieles mehr erinnern sie immer wieder an das ursprüngliche Trauma. Viele Frauen können zu ihrem Partner nicht nein sagen, wenn er sie sexuell begehrt und auch nicht ja sagen - so erdulden und erleiden sie die Sexualität wieder und wieder als Opfer und erleben auch den einfühlsamsten Ehemann als Vergewaltiger.
Da es für Partner von Inzestopfern sehr schwierig ist, damit umzugehen, dass sie trotz ihres liebevollen Verständnisses immer wieder mit dem früheren Täter verwechselt werden, ist ihnen dringend ans Herz zu legen, sich selbst auch therapeutische Hilfe zur Problembewältigung zu gönnen.
Viele sexuell missbrauchte Frauen wählen freiwillig ein Leben ohne Mann, da ihre Sexualität untrennbar mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen behaftet ist. Außerdem ist ihre Bindungsfähigkeit durch den Mangel an Vertrauen ohnehin stark eingeschränkt.
Dass Frauen in der Opferrolle sind, ist gesellschaftlich anerkannt, aber Männer empfinden die Opferrolle als unwürdig und unmännlich. Missbrauchte Knaben identifizieren sich daher lieber mit dem Täter und werden sehr häufig zu Tätern oder kämpfen zeitlebens dagegen an, zum Täter zu werden. Ein ausgeglichenes, zufriedenes Leben bleibt auch ihnen versagt.
Sowohl den Tätern, wie auch anderen Familienangehörigen oder der Gesellschaft gelingt es recht leicht, ein Klima zu schaffen, in dem das Opfer Schuldgefühle entwickelt, als wäre es selbst für die Tat verantwortlich. Durch die Schuldgefühle sind diese Menschen erpressbar und unfrei. Sie stehen unter Spannung und sind in ständiger Abwehr.
Meines Erachtens ist ganz allein die erwachsene Person - der Vater, Großvater, Onkel, Lehrer, Pfarrer oder Nachbar - für seine Tat verantwortlich zu machen, niemals das Kind. Das Kind hat das Recht, beim Erwachsenen Zärtlichkeit und Zuwendung zu suchen und der Erwachsene hat die Pflicht, die Grenzen zu wahren. Die Grenze verläuft dort, wo die Berührung nicht mehr zum Wohle des Kindes erfolgt, sondern nur mehr zur Bedürfnisbefriedigung des Erwachsenen.
Schwere krankheitswertige Störungen
Als zweite Gruppe der Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs greife ich exemplarisch einige krankheitswertige Störungen heraus. Die extremste Auswirkung ist wohl die irreparable Zerstörung der Persönlichkeit, die sich in schweren Psychosen ausdrückt und die Frau ihr Leben lang von Medikamenten abhängig macht oder sie immer wieder oder auf Dauer in eine psychiatrische Anstalt verbannt. In der amerikanischen Literatur wird häufig von "Überlebenden" gesprochen. Die Missbrauchsüberlebenden entwickeln eine Vielzahl von Überlebensstrategien, von denen eine auch der Wahnsinn ist.
In meiner Praxis hatte ich hauptsächlich mit sexuell missbrauchten Frauen zu tun, die in längeren oder kürzeren Abständen immer wieder von heftigen Panikattacken überrollt wurden. Diese waren begleitet von Herzrasen und Herzschmerzen, schmerzhaften Erstickungsanfällen und einem verzweifelten Gefühl der Todesangst. Das Leben dieser Frauen war extrem eingeschränkt, da sie zu keiner Zeit und an keinem Ort vor den Panikattacken sicher waren.
In einem gemeinsamen Buch einer Therapeutin und ihrer Klientin finden wir die Dokumentation einer Lebens- und Therapiegeschichte, in der die von der Großmutter und dem Vater missbrauchte Frau an so schweren Migräneanfällen litt, dass sie beinahe den Verstand verlor. Mit diesen Schmerzen hätte sie bestenfalls überleben aber nicht mehr selbstbestimmt leben und arbeiten können. Erst durch das Bewusst machen des sexuellen Missbrauchs, an den sie zu Beginn der Therapie keine Erinnerung mehr hatte, hörten die Migräneattacken wieder auf.
Eine weitere häufige Nachwirkung des Kindesmissbrauchs sind schwere Depressionen, die häufig zu Selbstmorden führen. Die Depression kann nur überwunden werden, wenn ausreichende Trauerarbeit über die verlorene Kindheit und ein deformiertes Leben geleistet wurde; wenn die Opfergeschichte zu einer Erfolgsgeschichte umgeschrieben wird; wenn das Überleben und alle Überlebensstrategien als Erfolg gefeiert werden können.
Auch den Alkohol- und Drogenmissbrauch finden wir als häufige Überlebensstrategie der sexuell missbrauchten Frauen. Die Flucht in die Drogen verstärkt jenes Verhalten, das sie bereits als Kind gelernt haben: Das Bewusstsein ausschalten, nicht mehr "zu Hause" sein im Körper, weggetreten sein und mit sich geschehen lassen.
Besonders Jugendliche versuchen häufig durch selbstschädigendes Verhalten, wie extremem Piercing, die Haut mit Messern oder Glasscherben aufschneiden oder brennende Zigaretten auf der Haut ausdämpfen, ihren abgespaltenen Körper wieder zu spüren. Den Körper unempfindlich zu machen oder ohnmächtig zu werden, war früher als Überlebensstrategie sinnvoll, um nicht verrückt zu werden. Ein zufriedenstellendes Leben erfordert allerdings gegenteilige Strategien. Gerade im Spüren und Empfinden wird unser Leben reich und lebenswert, und das können sexuell missbrauchte Menschen in der Psychotherapie systematisch wieder lernen.
Jedes 4. Mädchen und jeder 12. Knabe macht die Erfahrung des sexuellen Missbrauchs.
Sexuell missbrauchte Kinder in Österreich pro Jahr (geschätzt): 10.000 bis 25.000
Anzeigen wegen Sexualdelikten an unter 14jährigen (1995): 602
Anzeigen wegen Sexualdelikten an 14 - 19jährigen (1995): 198
98 % der Täter sind Männer
25 % der Täter sind Väter, Stiefväter oder Freunde der Mutter
70 % der Täter stammen aus dem näherem Umfeld der Opfer
5 % der Täter sind völlig Fremde
Psychotherapie für Verbrechensopfer
Wenn der sexuelle Missbrauch * nach dem 26. Oktober 1955 begangen wurde,
* aktenkundig ist,
* gesundheitliche Schäden zurückgelassen hat und
* die Krankenkasse den Kostenzuschuss von S 300.- gewährt,
dann kann nach dem Verbrechensopfergesetz ein Kostenersatz für die Psychotherapie vom Bundessozialamt in Anspruch genommen werden. Die Antragsfrist endet mit 1. 1. 2001. Wenn der Missbrauch nach dem 1. 1. 1999 begangen wurde, beträgt die Antragsfrist jeweils zwei Jahre.
Informationsstelle des Steirischen Landesverband für Psychotherapie
Mi. 12 - 14 Uhr, Tel.: 0316/37 25 00
nach oben
Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Dr. Herta Scheucher
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision: Juni 1999
