Re: Fakten zum Sexuellen Missbrauch
von Igraine » Mi 29. Apr 2009, 21:00
Was sind die weiteren Folgen dieser anderen Funktionsweise?
Traumatische Erfahrungen werden vor allem in den impliziten Gedächtnissen gespeichert. Das Großhirn (und damit das explizite Gedächtnis / der Verstand) wurde ja während des Traumas nicht mehr mit allen Informationen versorgt und bekam nur noch Bruchteile von dem mit, was vor sich ging; im Extremfall kaum noch etwas. Daher kann es u.U. kaum etwas davon abspeichern.
Auch die Entscheidungen in der Trauma-Situation haben kaum mit dem Verstand zu tun und laufen automatisiert in den impliziten Gedächtnissen ab.
Als Traumatisierter ist es wichtig zu wissen, dass dieses prinzipell nicht mit dem Verstand beeinflusst werden kann, sondern durch einen biologischen Mechanismus automatisch abläuft, da es offensichtlich von der Natur so gewollt ist. Die Trauma-Hormone schalten die Funktionsweise des Gehirns vollkommen um. Verstandes-Entscheidungen und -Bewertungen sind in Trauma-Situationen rein körperlich kaum noch möglich. Soweit sie trotzdem stattfinden, haben sie kaum Einfluss auf das Geschehen, weil die Kontrolle fast vollständig von den impliziten Schaltkreisen übernommen wird. Dies erklärt auch die häufigen Berichte von Missbrauchten, dass sie etwas getan haben, was sie eigentlich gar nicht wollten. Oftmals ist weder Flucht noch Verteidigung möglich. Daher kann man in so einer Situation auch kaum noch Verantwortung im üblichen Sinne tragen bzw. moralische Schuld auf sich laden. Die üblichen Instanzen sind bei Lebensgefahr lahm gelegt und abgeklemmt. Das nackte Überleben hat Vorrang vor allem anderen, und eine willentliche Steuerung ist physiologisch kaum noch möglich.
Die Dissoziation des Großhirns ist jedoch nicht der einzige Effekt: während das Großhirn seine Aktivitäten beinahe einstellt, tritt bei den impliziten Schaltkreisen genau das Gegenteil ein. Durch die Hormonausschüttung werden die Informationen teilweise nicht mehr vorgefiltert, sondern gelangen uninterpretiert und mit einer höheren "Bitrate" als normalerweise in die Amygdala und in die impliziten Gedächtnisse. Die dadurch entstehende Reizüberflutung scheint einen Überlebensvorteil in gefährlichen Situationen zu haben: die impliziten Gedächtnisse suchen fieberhaft nach Auswegen und Fluchtwegen, ggf. auch nach Gegenangriffswegen. Dazu werden alle Informationen aufgenommen, die zu kriegen sind, auch scheinbar nebensächliche Details. Diese werden jedoch nicht vom Großhirn bewertet und interpretiert, sondern von den impliziten Gedächtnissen in roher Form verarbeitet und oft nur dort gespeichert. Das explizite Gedächtnis bekommt nicht alles mit und speichert große Teile des Traumas erst gar nicht.
Die Reizüberflutung führt langfristig zu einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Geräuschen, Licht, Gerüchen, Worten oder emotionsgeladenen Situationen wie z.B. Streit, was oftmals von der Umgebung als "hohe Sensibilität" ausgelegt wird (besonders auffallend bei hochsensiblen Babies und Kleinkindern). Weil dies auf der niederen Steuerungs-Ebene geschieht, kann man mit dem Verstand nur wenig gegen diese ADS/ADHS-artigen Symptome machen.
Das Abkoppeln des expliziten Gedächtnisses von diesem "Eigenleben" der niederen Steuerungsebenen erklärt die bei Traumatisierten häufig beobachtbaren dissoziativen Symptome: das Nicht-Erinnerungsvermögen an Trauma-Situationen nennt man auch dissoziative Amnesie. Die Abtrennung des Großhirns vom Nachrichtenfluss bewirkt, dass keine oder nur wenige sinngebenden Bewertungen vorhanden (bzw. physiologisch möglich) sind und auch kaum etwas im expliziten Gedächtnis gespeichert ist. Da die impliziten Gedächtnisse zustandsabhängig arbeiten, werden die dort gespeicherten Informationen nach dem Ende der Lebensgefahr manchmal nicht mehr aktiviert; sie scheinen "vergessen" (Amnesie). Oder sie werden in bestimmten Situationen aktiviert, scheinen aber sinnlos zu sein, was dann zu Bewertungen durch die Umgebung wie "hochsensibel" führen kann.
Ein derartiger scheinbarer "Vergessens"-Zustand kann jahrelang andauern, bis er z.B. durch die Spätform einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) aufgehoben wird (sog. "komplexe PTBS" oder "chronifizierte PTBS"). Wegen ihrer großen Bedeutung für das Überleben speichern die impliziten Gedächtnisse das Trauma vermutlich sogar recht detailliert; im Normalzustand sind diese Informationen aber nicht aktiviert und unzugänglich (ähnlich wie man die automatisierten Vorgänge beim Autofahren kaum oder nur schwer detailliert beschreiben kann, sondern sie nur dann ausführt, wenn man tatsächlich am Steuer sitzt). Charakteristisch für die dissoziative Amnesie ist, dass bewertete und sinnvolle Informationen im Großhirn kaum bis gar nicht vorhanden sind, und auch noch so starkes Nachdenken auf Verstandesebene nichts zu Tage fördern kann. Wer von dissoziativer Amnesie betroffen ist, der weiß oft nicht einmal von der Existenz des Traumas; wegen der fehlenden Hinweise hat er auch kaum eine Chance, von alleine darauf zu kommen.
Um die Informationen in den impliziten Gedächtnissen wieder abzurufen, muss man in eine ähnliche Situation wie beim Trauma geraten. Dies kann z.B. durch einen Auslöser (Trigger) geschehen. Was dann geschieht, wird auch Flashback genannt.
Was geschieht bei einem Flashback?
Wenn die Trauma-Informationen der impliziten Gedächtnisse aus irgend einem Grund (zumeist Trigger = Auslöser) wieder aktiviert werden, dann geschieht dies häufig nur selektiv. Oft wird nur das implizite Gedächtnis für Gerüche, oder nur das für Bilder, oder nur das für Töne angesprochen. Wenn es beispielsweise nur die Körper-Wahrnehmung wie den Tastsinn und das Körper-Wahrnehmungsgefühl betrifft, wird dies auch "Körpererinnerung" genannt. Dies erklärt den vollkommen anderen Charakter von Trauma-Erinnerungen, der sich von der gewöhnlichen en Alltags-Erinnerung drastisch unterscheidet: häufig kommen Trauma-Szenen als eine Art "Stummfilm" mit nur kurzen (zeitlich ungeordneten) Szenen hoch. Diese können u.U. sogar sehr detailreich sein, aber mit scheinbar nebensächlichen Details verziert, die wegen der fehlenden Interpretation und Sinngebung durch das Großhirn einen "bizarren" und scheinbar "unwirklichen" / "gespenstischen" Charakter tragen, gleichzeitig aber mit Gefahrensignalen und Alarmgefühlen verbunden sind. Auch Körpererinnerungen können sehr detailreich sein.
Je nach Art dieser blitzartigen Erinnerung kann es vollkommen unklar sein, was hinter dieser Szene steckt, weil andere wesentliche Erinnerungs-Arten wie z.B. gesprochene Worte fehlen und die Wiedererinnerung dadurch sehr einseitig sein kann, wodurch eine vernünftige Interpretation sehr schwierig werden kann. Andererseits können die Erinnerungs-Blitz-Szenen auch Elemente enthalten, die die Art der Traumatisierung sehr klar belegen. Wenn beispielsweise die Geschlechtsorgane eines anderen Menschen (die ja normalerweise durch Kleidung verdeckt sind) eine besondere Rolle in einer solchen "gespenstischen" Szene spielen, wird man davon ausgehen müssen, das diese auch beim Trauma eine entscheidende Rolle gespielt haben, auch wenn einem die Wiedererinnerung vollkommen "verrückt" und total unlogisch vorkommt. Ebenso verhält es sich mit Körpererinnungen, wenn man beispielsweise eine Vergewaltung direkt an den betroffenen Körperteilen spürt - wie wenn sie gerade stattfinden würde! Auch in solchen Fällen muss man nicht lange heruminterpretieren. Die impliziten Gedächtnisse sind wegen ihrer immensen Wichtigkeit für das Überleben und ihrer langen Evolutionsgeschichte relativ zuverlässig; eventuelle Fehlinterpretationen entstehen nicht dort, sondern bei der nachträglichen Sinngebung durch das Großhirn, die oft nur von unvollständigen Informationen ausgehen kann.
Der "gespenstische" / "unwirkliche" Charakter solcher Erinnerungen ist rein subjektiv - in Wirklichkeit ist er ein Echtheitsmerkmal! Denn er belegt die Trauma-Herkunft der Erinnerung!
Merksatz: Trauma-Erinnerungen sind in der Regel anders als normale Erinnerungen.
Auch die psychischen Vorgänge bei der Depersonalisation / Derealisation lassen sich durch die Trauma-Vorgänge erklären; das Großhirn kommt mit den zeitlich ungeordneten und total einseitigen / unwirklich erscheinenden und kaum zusammenhängenden Informationen aus den verschiedenen impliziten Gedächtnissen nicht zurecht und hat deutliche Schwierigkeiten bei der Interpretation. Inwieweit dieses Phänomen der Einseitigkeit eventuell durch die dauerhaften Umverdrahtungen / Unterbrechungen im Gehirn (mit-)verursacht wird, ist noch nicht geklärt. Es könnte den Erfolg von EMDR bei der Wiederherstellung von (neuen) Verbindungen im Gehirn erklären.
Als Überlebender sollte man wissen, dass das Phänomen der Einseitigkeit / Unwirklichkeit / scheinbaren "Verrücktheit" nicht auf eigener persönlicher Unfähigkeit beruht, sondern prinzipiell jedem Traumatisierten so geht. Man ist nicht verrückt, sondern man hat verrückt erscheinende Erinnerungen, die sich evtl. durch Trauma-Therapie auflösen und klären lassen.
Es wird vermutet, dass bei einem Flashback ähnliche Vorgänge wie beim urspünglichen Trauma ablaufen. Bereits nachgewiesen sind Ausschüttungen von Serotonin, die denen beim Trauma entsprechen.
Somewhere over the rainbow
Skies are blue,
And the dreams that you dare to dream
Really do come true
Somewhere over the rainbow
Bluebirds fly
Birds fly over the rainbow
Why then, oh why can't I?