Fr 19. Mär 2010, 12:19
Selbstsicherheit, Aufmerksamkeit und Gedanken
Personen mit sozialen Kompetenzproblemen reagieren auf bestimmte für sie kritische soziale Alltagssituationen und die damit verbundene Aufregung mit einem Zustand erhöhter Selbstaufmerksamkeit. Dabei kommt es zu einer Wendung der Aufmerksamkeit weg von der Beobachtung der Außenwelt hin zur Beschäftigung mit den inneren Vorgängen bei sich selbst.
Die erhöhte Selbstaufmerksamkeit nimmt als Hintergrundvariable Einfluss auf die Situation. Die betreffende Person hat im Zustand erhöhter Selbstaufmerksamkeit kaum noch Aufmerksamkeitsressourcen für eine differenzierte Wahrnehmung und Analyse der übrigen Situationsaspekte. Dies kann zum Beispiel dazu führen, dass soziale Kontakte als Stress empfunden werden.
Der Aufmerksamkeitsfokus zeigt sich unter anderem daran, mit welchen Fragen ich mich während eines Kontaktes beschäftige:
Ungünstige Fragen (hohe Selbstaufmerksamkeit) Werde ich versagen?
Wie aufgeregt oder ängstlich bin ich?
Wie sehe ich wohl aus?
Werde ich rot, zittere ich, schwitze ich?
Welchen Eindruck mache ich?
Was denken die anderen von mir?
Was mache ich, wenn ich versage?
Welchen Einfluss haben Gedanken auf unser Verhalten?
Günstige Fragen (Aufgabenorientierung) Was will ich erreichen?
Was ist mein Ziel?
Welches Recht habe ich in dieser Situation?
Was habe ich mir vorgenommen?
Worauf muss ich achten, um mein Ziel zu erreichen?
Zur Erklärung, welchen Einfluss positive oder negative Gedanken in einer Situation auf Verhalten und der daraus resultierenden Stimmung haben können, dient folgendes Modell:
Situation: Ich habe mir eine neue Bluse gekauft, packe sie zu Hause aus und stelle fest, dass sie am Ärmel ein Loch hat.

Reaktion
Negative Selbstverbalisationen: Ich sage mir: "Das ist mal wieder typisch, ich bin einfach ein Pechvogel. Das glauben die mir nie, dass dass schon drin war. Wieder 30€ im Eimer."
Gefühl: Angst, Unsicherheit, Resignation
Verhalten: Vermeidung, Flucht. Ich bleib zu Hause und mache nichts.

Reaktion
Positive Selbstverbalisation: Ich sage mir: "Die muss ich sofort wieder zurückbringen. Es ist schließlich mein gutes Recht, für mein Geld auch etwas Anständiges zu bekommen"
Gefühl: Entschlossenheit, Zuversicht
Verhalten: In die Situation gehen. Ich gehe in den Laden und tausche die Bluse um!
Tipps für positive Selbstverbalisationen: 
Generalisierungen (immer, nie meistens) vermeiden

Positive Forumulierungen ("Ich kann es versuchen, es gelingt mir vl") zugunsten von Negativforumulierungen ("Das schaff ich nie")

Günstige Fragen (s.o) stellen, um den Aufmerksamkeitsfokus zu verändern

Selbsterfüllende Prophezeiungen ("Ich habe doch gewusst, dass es schief geht") vermeiden

Auf persönliche Stärken konzentrieren.
Alltagssituationen, in denen selbstsicheres Verhalten wichtig ist, sind zum Beispiel: - Situationen in denen das vorrangige Ziel die Erfüllung eigener Forderungen ist
- Situationen bei denen es nicht um das Durchsetzen im Sinne von rechtlicher Legitimation sondern um Einigung geht.
- Situationen in denen eigene Forderungen nur dadurch erfüllt werden, dass der andere auf sein Recht verzichtet. Zum Beispiel einen Beamten zu einer bevorzugten Bearbeitung eines Reha-Antrags zu bewegen und dafür kurzfristig eine gute Beziehung herzustellen.
Vor der Situation: - Gib dir selbst
positive Instruktionen (z.B. "Ich werd es schaffen", "Das ist mein gutes Recht")
In der Situation: - Rede
laut und
deutlich - Schau deinem Partner in die Augen
(Blickkontakt) - Nimm eine
entspannte Körperhaltung ein.
- Äußer deine Forderungen, Wünsche und Gefühle in der
Ichform.
- Sag zuerst,
was du willst, dann warum.
-
Entschuldige dich nicht, wenn du berechtigte Forderungen stellst
- Werde nicht aggressiv, sondern bleib
ruhig und bestimmt im Auftreten. Das bringt dich weiter
-
Werte deinen Partner nicht durch polemische und globale Wertungen ab ("Du bist immer...", "Du hast mal wieder...")
- Äußere ruhig auch mal
Verständnis für die Position des anderen.
Nach der Situation: Verstärke dich für deine Fortschritte. Erkenne deine eigenen Bemühungen an und
beachte jeden kleinen Fortschritt, den zu erzielst! Jeder Lernprozess benötigt Zeit und Übung! Man kann nur schnell und gründlich lernen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf
positive Fortschritte richtet, das heißt, stolz und zufrieden zu sein, wenn man ein kleines Stück weitergekommen ist.
Vergleiche dich NICHT mit dem Ideal, das dir vielleicht vor Augen steht, sondern beachte den relativen Fortschritt! Vermeide Selbstkritik, Selbsthass und Ungeduld mit dir selbst! Mit Schuldgefühlen und Selbstbestrafung wurde noch nie viel erreicht, aber sehr oft mancher positive Ansatz zur Selbstentfaltung unterdrückt, da er unmenschlichen Leistungsforderungen nicht genügte.