Re: Hilfe zur Selbsthilfe
von Igraine » Fr 19. Mär 2010, 11:25
Traumareaktionen verstehen und bewältigen
Was ist ein Trauma?
Trauma (griech.): "Verletzung, Wunde"
= seelischer Schock, starke seelische Erschütterung
= einschneidende, schreckliche Erlebnisse, die außerhalb des gewöhnlich menschlichen Erfahrungsbereich liegen
= extreme Erlebnisse, die bei weitem das Ausmaß und die Intensität gewöhnlicher Alltagsbelastungen übersteigen
Es gibt mehrere Definitionen von Trauma, die ganz unterschiedliche Sitatuionen betreffen können (Unfall, Naturkatastrophe, sexueller Missbreauch, etc.).
Gemeinsame Merkmale sind:
- Die Betroffenen stehen dem Ereignis hilflos gegenüber.
- Sie haben keinen wirklichen Einfluss auf die Situation.
- Meist besteht körperliche Gefahr oder sogar Lebensgefahr - bei sich selbst und/oder bei anderen.
Welche Arten von Traumata gibt es?
1. Naturkatastrophen und Schicksalsschläge ohne menschliches Zutun, wie z.B.
- Erdbeben
- Tornado
- schwere Krankheit etc.
2. Katastrophen, die durch menschliche Fehler oder menschliches Versagen verursacht worden sind, wie z.B.
- Verkehrsunfälle
- Flugzeugabstürze
- Brandkatastrophen etc.
3. Traumata, das auf menschliche Gewalt zurückgeht, wie z.B.
- Vergewaltigung
- sexueller und oder körperlicher so wie emotionaler Missbrauch
- Terroranschlag etc.
- Misshandlungen
Traumata können auch unterschieden werden in:
- kurz andauernde traumatische Erlebnisse (Typ I) und
- lang andauernde, wiederholte Traumata (Typ II)
Meist ist es schwieriger, Traumata zu verarbeiten, die durch menschliche Gewalt oder menschliches Versagen verursacht wurden, als solche, die auf Naturkatastrophen zurückgehen.
Was beeinflusst die Traumaverarbeitung?
Jeder Mensch verfügt über Selbstheilungskräfte, durch die auch schwere seelische Wunden heilen können. Ob und wie gut einem Menschen die Bewältigung eines schrecklichen Ereignisses gelingt, hängt vom Zusammenwirken verschiedener Faktoren ab. Sie können den Erholungs- und Heilungsprozess entweder unterstützen oder auch blockieren und verhindern.
Situationsmerkmale:
- Intensität und Dauer (Typ I oder II)
- Beteiligung von Menschen (Erschütterung des Weltvertrauens, des Menschenvertrauens, des Vertrauens in den eigenen Körper)
- Alter zum Zeitpunkt des Traumatas (je jünger ein Kind, je weniger Unterstützung durch Erwachsene, desto gravierender die Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung)
- soziale und gesundheitliche Begleiterscheinungen (z.B. Langzeitarbeitslosigkeit)
Persönliche Faktoren:
- Qualität sozialer Beziehungen (verlässlich-unterstützend oder unzuverlässig)
- bisherige Lebenserfahrungen (eher positiv oder negativ)
- aktuelle Lebensumstände (soziale/gesellschaftliche Einbindung)
- Charaktereigenschaften/ bisherige Persönlichkeitsentwicklung
Akute Belastungsreaktion/-störung
Die unmittelbare Erstreaktionen auf ein traumatisches Erlebnis sind bei fast allen Menschen gleich; sie unterscheiden sich allenfalls hinsichtlich Ausmaß und Intensität.
Wesentliche Symptome sind:
- Wiedererleben von Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Körperempfindungen oder "Rückblenden" in die traumatische Situation (Flashbacks)
- Angst- und Bedrohungsgefühle, Unruhe, Schreckhaftigkeit (besonders bei lauten, unerwarteten Geräuschen), Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Der Körper ist in ständiger erhöhter "Alarmbereitschaft"
- Vermeiden von Erinnerungen an das Trauma, an Orte, Situationen und Menschen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten
- Erinnerungen an das Trauma sind nur bruchstückhaft oder gar nicht vorhanden
- Interesseverlsut (z.B. von Aktivitäten)
- Gefühl der Teilnahmslosigkeit oder auch "Gefühlstaubheit"
- hohe Reizbarkeit, ausgeprägte Empfindlichkeit
Es handelt sich bei diesen Symptomen um normale Reaktionen auf außergewöhnliche Belastungen. Sie treten innerhalb von 4 Wochen nach dem traumatischen Erlebnis auf und dauern zwischen 2 Tagen und 4 Wochen an. Unter günstigen Bedingungen klingen die Symptome von selbst wieder ab.
Posttraumatische Belastungsstörung
Bei ca. 1/3 der Betroffenen gelingt die Bewältigung und Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses nicht, es kommt zu keiner Beruhigung und Erholung. Die Symptome der akuten Belastungsreaktion halten an, man bleibt sozusagen "am Trauma hängen".
Hauptmerkmale einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) sind:
- "Intrusionen": wiederkehrende, sich aufdrängende traumabezogene Vorstellungen und Gefühle (flashbacks), Albträume
- Vermeidungsverhalten: sozialer Rückzug, "Vergessen", "emotionale Betäubung" ( man geht allem aus dem Weg, was an das Trauma erinnern könnte)
- Überregbarkeit: erhöhte Wachsamkeit, Reizbarkeit, Wutausbrüche, Schreckreaktionen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen ("Dauererregungszustand")
- Gedanken und Gefühle der Hoffnungslosigkeit
Von einer PTSD spricht man dann, wenn die Symptome länger als 4 Wochen nach dem traumatischen Erlebnis anhalten. Dauern sie weniger als 3 Monate, spricht man von einer akuten PTSD, dauern sie länger als 3 Monate, spricht man von einer chronischen PTSD. Professionelle therapeutische Hilfe ist dann erforderlich!
Folgestörungen bei komplexen Traumata
Vor allem bei lang andauernden, wiederholten Traumata, die durch menschliche Gewalt verursacht wurden, entstehen neben posttraumatischer Belastungssymptome noch andere psychische Auffälligkeiten, körperliche Symptome und/oder Persönlichkeitsveränderungen.
Mögliche weitere Störungen sind:
- Depressionen
- Angststörungen
- Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten
- körperliche Symptome/Krankheiten
- Selbstverletzungen
- Dissoziationen ("Trennung/Zerlegung")
Die traumatische Wahrnehmung wird in verschiedene Bestandteile (z.B. Gefühle, Körperempfinden) zerlegt; die Teile werden in belastenden Situationen vorübergehend abgespalten, um sie aushaltbar zu machen. (Schutz-/Anpassungsmechanismus)
- Persönlichtkeitsveränderungen
Die gesamte Persönlichkeit ist durch das Trauma geprägt. Häufige Folgen sind Selbstablehnung, - hass, Misstrauen gegenüber anderen Menschen, intensives Erleben eigener Macht- und Hoffnungslosigkeit, starke Schuld- und Schamgefühle, Ablehnung des eigenen Körpers.
Professionelle therapeutische Hilfe ist hier dringend erforderlich!
3 Phasen der Traumatherapie
In der Traumatherapie werden heute verschiedene Verfahren und Techniken aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Richtungen (tiefenpsychologische Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Hypnotherapie u.a.) angewandt und miteinander kombiniert.
1. Phase: Stabilisierung
- Aufbau einer guten und tragfähigen sicheren Beziehung zwischen TherpautIn und PatientIn
- Aufbau von Sicherheit und Stabilität im Alltag (insbesondere Beendigung von Täterkontakt und anderen Gewaltbeziehungen)
- Aufbau positiver Innenbilder mit Imaginationsübungen (sicherer Ort, Baumübung etc.)
- Aufbau von Selbstfürsorge und Selbsttrost
- Stärkung von Kontrolle und Selbstmanagementfähigkeiten mithilfe von verschiedenen Selbsthilfestrategien (z.B. Tresorübung, Methoden zum Dissoziationsstopp, Möglichkeiten zum Umgang mit flashbacks)
- Stärkung vorhandener und Aufbau neuer Ressourcen (innere und äußere)
Die Stabilisierungsphase ist die zentrale Phase in der Traumatherapie und sollte deswegen ausreichenden zeitlichen Raum und Würdigung erhalten. Sie bildet nicht nur die Grundlage für mögliche weitere therapeutische Schritte, sondern ist für einen Großteil der PatientInnen bereits so hilfreich, dass auf eine Traumakonfrontation zumeist verzichtet werden kann.
2. Phase: Traumakonfrontation
- Aufdeckung und Bearbeitung der traumatischen Erfahrungen/Erinnerungen z.B. mit EMDR (Verarbeitung durch schnelle Augenbewegungen) und anderen imaginativen Techniken (z.B. Bildschirmtechnik)
- Traumasynthese (Gedanken, Gefühle, Bilder, Körpererleben)
Wichtige Voraussetzungen für die Phase der Traumakonfrontation sind eine gute tragfähige therapeutische Beziehung, äußere Sicherheit (v.a. kein Täterkontakt!!!) sowie innere Stabilität der Patientin. Wesentlich hierbei ist, dass auch negative intensive Gefühle ausgehalten und kontrolliert werden können.
3. Phase: Integration und Neuorientierung
- Trauma in die Vergangenheit ablegen
- Bearbeitung von Gefühlen wie Scham und Schuld
- Erarbeitung neuer Denk- und Verhaltensmuster
- Integration des Erlebten in den Alltag und positive Zukunftsorientierung
Bei der traumazentrierten Intervallbehandlung stellt diese Phase nicht immer eine eigene, abgeschlossene Behandlungsphase dar. Vielmehr erfolgt bereits über den gesamten Therapieverlauf hinweg durch die zwischenzeitlichen Entlassungen ins häusliche Umfeld eine Intergraiton der bis dahin erfolgten Behandlungsschritte in den Alltag.
Psychopharmakologische Behandlung
Die Symptome einer traumabedingten Störung können durch Medikamente zwar nicht geheilt, aber doch gelindert werden. Vor allem bei komplexen Traumata wird durch eine unterstützende psychopharmakologische Behandlung eine heilende Psychotherapie oft erst ermöglicht. Bei leichteren Traumatisierungen ist eine begleitende Medikamentengabe hingegen nicht unbedingt erforderlich. Bei akuten Traumatisierungen ist Vorsicht geboten, da durch bestimmte Medikamente die "natürliche Traumaverarbeitung" gehemmt werden kann. Die wichtigsten Medikamentengruppen sind:
- Antidepressiva
Hauptwirkungen: Sie verbessern die depressive Grundstimmung, reduzieren Ängste; einige wirken antriebssteigernd, andere eher beruhigend und schlaffördernd.
Wichtig: Es dauert ca. 1-3 Wochen (manchmal länger) bis sie wirken, sie machen NICHT ABHÄNGIG!
- Neuroleptika
Hauptwirkungen: Eine Untergruppe (niedrigpotente Neuroleptika) reduziert Ängste, Anspannung und Unruhe, eine andere Untergruppe (hochpotente Neuroleptika) reduziert psychotische Symptome.
Wichtig: Sie machen NICHT ABHÄNGIG!
- Benzodiazepine
Hauptwirkungen: Sie wirken beruhigend, entspannend, dämpfend, lindern Ängste und Selbstverletzungsdruck.
Wichtig: Sie helfen sofort, machen langfristig ABHÄNGIG!!!
Im Nachfolgenden werde ich erstmal die Selbsthilfestrategien, die es so gibt, auflisten. Ich werde nach und nach auf die einzelnen Dinge genauer eingehen und sie erklären.
Somewhere over the rainbow
Skies are blue,
And the dreams that you dare to dream
Really do come true
Somewhere over the rainbow
Bluebirds fly
Birds fly over the rainbow
Why then, oh why can't I?